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Rubrik · Länder

Bern ist Hauptstadt, weil die Schweiz keine natürliche Hauptstadt haben will

Bern ist Bundesstadt, nicht der natürliche Mittelpunkt. Zürich, Genf und die Sprachregionen passen in keinen gemeinsamen Sitz.

Die Schweiz führt Bern als Hauptstadt, und schon das Wort ist eine Abkürzung. Bern ist die Bundesstadt, der Sitz von Bundesrat und Parlament, gewählt weil Zürich zu wirtschaftlich, Genf zu international und keine Sprachregion berechtigt sein sollte, den Bund allein zu verkörpern. Die Hauptstadt ist hier eine Verneinung.

9 092 436 Menschen leben auf 41 284 Quadratkilometern, eingekeilt zwischen Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Liechtenstein. Die Alpen teilen das Land in ein nördliches Mittelland, ein inneralpines Graubünden und Tessin und ein französischsprachiges Westschweizer Becken. Deutsch, Französisch und Italienisch sind Amtssprachen des Bundes, Rätoromanisch ist es im Verkehr mit denen, die es sprechen. Der Franken der Nationalbank ist das gemeinsame Geld. Ein gemeinsames Gesicht hat der Bund bewusst nicht in der größten Stadt gesucht.

Schweiz auf einen Blick

Hauptstadt

Bern

Fläche

41 284 km²

Einwohner

9,1 Millionen

Amtssprache(n)

Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch

Währung

Schweizer Franken

Kontinent

Europa

Besonderheit

Bundesstadt Bern in einem Bund ohne natürlichen Mittelpunkt

Bern statt Zürich oder Genf

Zürich ist die Wirtschaftsstadt, mit Banken, Flughafen und einer Agglomeration, die das Mittelland nach Nordosten zieht. Genf ist die internationale Stadt, am See, mit Organisationen, die nicht die Eidgenossenschaft sind und doch die Adresse der Schweiz im Ausland prägen. Basel ist die Rheinstadt, dreiländisch, pharmazeutisch, dem Norden zugewandt. Bern liegt dazwischen, deutschsprachig, aber nicht Zürich, näher an der Sprachgrenze, mit einer Altstadt, die zur Bundesverwaltung passt, weil sie nicht die größte Bühne ist. Die Bundesstadt ist ein Kompromiss aus Lage, Sprache und Verzicht.

Der Bundesrat und die Bundesversammlung tagen in Bern. Das macht die Stadt zur Hauptstadt im Sinn der Listen und lässt Zürich die größere private Macht. Diese Trennung ist die Pointe. Ein Land, das sich über Referenden selbst korrigiert und die Kantone nicht zu Provinzen herabstuft, wäre schlecht bedient mit einer Hauptstadt, die auch noch Börse, größter Bahnhof und kulturelles Zentrum in einem wäre. Bern regiert den Bund. Es beansprucht nicht, die Schweiz zu sein.

Sprachgrenzen, die Nachbarn haben

Die Deutschschweiz umfasst das Mittelland und weite Alpentäler. Gesprochen wird überwiegend Schweizerdeutsch, geschrieben und amtlich gehandelt wird Deutsch. Das ist kein kleiner Unterschied: Die Amtssprache ist nicht die Mundart der Straße. Westlich der Sprachgrenze, gegen Frankreich, liegt die Romandie, französischsprachig, mit Genf, Lausanne und Neuenburg. Südlich der Alpen, gegen Italien, liegt das Tessin, italienischsprachig, klimatisch und kulturell auf der anderen Seite des Gotthard. In Graubünden kommt Rätoromanisch hinzu, klein, amtlich geschützt, nicht bloß pittoresk.

Der Norden grenzt an Deutschland, ohne dass die Deutschschweiz deshalb ein Außenposten der deutschen Politik wäre. Jede Sprachregion hat einen größeren Nachbarn derselben Sprache und hat sich dennoch für den Bund entschieden, nicht für den Anschluss. Das ist die eigentliche Konstruktion: Die Schweiz ist nicht einsprachig homogen und dann föderal aus Bequemlichkeit. Sie ist föderal, weil die Sprachen sonst auseinanderfallen würden. Bern, deutschsprachig und maßvoll, ist der Ort, an dem diese Weigerung einen Sitz bekommt.

Bern ist Hauptstadt, weil keine größere Stadt es werden durfte, ohne die anderen Sprachregionen zu Gästen zu machen.

— TerraTally · Länder-Desk

Die Alpen als organisierte Schwelle

Die Alpen sind nicht die Kulisse der Schweiz, sie sind eine Schwelle mitten im Staatsgebiet. Pässe, darunter der Gotthard, und die Bahnen, die sie unterqueren, verbinden das Mittelland mit dem Tessin. Ohne sie wäre das italienischsprachige Südufer ein anderes Land. Mit ihnen ist das Gebirge eine Aufgabe der Eidgenossenschaft: Transit, Lawinen, Wasser, Strom aus Stauseen, Tourismus in Tälern, die im Winter eine andere Ökonomie haben als Zürich. Der Bund verwaltet eine Barriere, statt so zu tun, als gäbe es nur das flache Mittelland der Uhren und Banken.

Neutralität, Miliz und das Misstrauen gegen große Hauptstädte gehören in dieselbe politische Kultur: Der Bund soll halten, was die Kantone ihm geben, und nicht selbst zur Metropole werden. Der Franken unterstreicht die Eigenständigkeit gegenüber den Währungen der Nachbarn. Er macht aus der kleinen Fläche einen eigenen Geldraum. Er macht aus Bern keine Weltstadt, und genau das ist mitgemeint. Die Schweiz ist regierbar, solange die Bundesstadt kleiner bleibt als die These des Landes. Diese These heißt: mehrere Sprachen, ein Gebirge, kein natürlicher Thron.

Bern bleibt der Name, den man als Hauptstadt einträgt, und bleibt doch die Bundesstadt eines Bundes, der Zürich, Genf und das Tessin nicht opfern wollte. Die Alpen trennen, die Sprachen könnten trennen, der Franken und die Verfassung halten. Die Schweiz hat eine Hauptstadt, weil sie sich geweigert hat, eine natürliche zu besitzen.