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Rubrik · Länder

Neun Nachbarn, und die Mitte liegt nirgendwo

Deutschland wirkt auf der Karte wie der Normalfall Europas. In Wahrheit ist es das Land mit den meisten Landgrenzen der EU, und seine Mitte liegt weder in Berlin noch am Rhein.

Auf dem Atlas sieht Deutschland aus wie das Standardland Europas: ein kompakter Block in der Mitte, eine Sprache, eine Hauptstadt im Nordosten, die jeder nennen kann. Dieses Bild hält nur, solange man die Ränder nicht zählt.

Neun Staaten teilen sich eine Landgrenze mit Deutschland: Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Kein anderes Mitglied der Europäischen Union hat mehr Landnachbarn. Das Land, das wie eine Mitte wirkt, ist in Wahrheit ein Scharnier. Waren, Sprachen und Menschen haben hier immer die Seite gewechselt, lange bevor es einen deutschen Staat gab, der an allen neun Seiten Zoll erheben konnte.

Deutschland auf einen Blick

Hauptstadt

Berlin

Fläche

357 592 km²

Einwohner

83,6 Mio.

Amtssprache(n)

Deutsch

Währung

Euro

Kontinent

Europa

Besonderheit

9 Landnachbarn

Die Mitte mit neun Kanten

Deutschland reicht von Nord- und Ostsee bis zu den Alpen. Dazwischen liegt keine einheitliche Landschaft und keine einzige Mitte. Der geographische Mittelpunkt des Landes liegt bei Niederdorla in Thüringen, einem Ort, den fast niemand nennt, wenn man fragt, wo Deutschland „ist“. Berlin, die Hauptstadt, liegt weit im Nordosten. Das Rhein-Ruhr-Gebiet, in dem die meisten Menschen auf engem Raum leben und arbeiten, liegt im Westen. Politische, wirtschaftliche und geographische Mitte fallen nicht zusammen.

Das ist kein Zufall der Karte. Es ist die Folge eines Landes, das aus vielen Territorien zusammengesetzt wurde. Die norddeutsche Tiefebene, die Mittelgebirge, das Rheintal und das Alpenvorland waren nie ein Wirtschaftsraum. Die Flüsse laufen zu drei Meeren: Rhein und Elbe zur Nordsee, die Oder zur Ostsee, die Donau zum Schwarzen Meer. Ein Land, dessen Flüsse in drei Richtungen abfließen, hat keine natürliche Hauptstadt.

Die Ränder tun die Arbeit. An der dänischen Grenze ist das Land flach und die Sprache gemischt. In den Alpen steigt die Grenze über Pässe. Entlang der Mosel ziehen Deutschland und Luxemburg nicht einmal eine Linie: Sie teilen sich den Fluss als gemeinsames Hoheitsgebiet. Zwischen Aachen und der Eifel schneidet eine belgische Bahntrasse immer noch deutsche Exklaven aus deutschem Boden. Die Mitte Europas ist voller Nähte.

Das Land, das wie eine Mitte wirkt, ist in Wahrheit ein Scharnier.

— TerraTally · Länder-Desk

Ein Staat, der später kam als seine Nachbarn

Frankreich, Dänemark und die Niederlande waren Staaten, lange bevor es ein Deutschland gab, das sich mit ihnen an einen Tisch setzen konnte. Das Kaiserreich von 1871 war eine späte Gründung: ein Bund aus Königreichen und Herzogtümern unter preußischer Führung, keine Nation, die aus einem Zentrum gewachsen wäre. Das Grundgesetz von 1949 hat diese föderale Idee behalten. Sechzehn Länder haben eigene Regierungen; der Bund in Berlin ersetzt sie nicht.

1949 und 1990 sind die beiden Daten, die den heutigen Staat gemacht haben. Das Grundgesetz von 1949 baute im Westen eine Republik nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur. 1990 trat die DDR dieser Republik bei. Die Grenze, die das Land vierzig Jahre lang zerschnitt, verschwand von der Karte, aber nicht aus den Zahlen: Einkommen, Wahlverhalten und das Alter der Wohngebäude zeigen weiter, wo die innerdeutsche Grenze verlief.

Die Vereinigung hat die Hauptstadt nicht in die geographische Mitte verlegt. Sie hat sie nach Berlin gelegt, das Hauptstadt Preußens, des Kaiserreichs und der ersten Republik gewesen war und nach 1945 im anderen deutschen Staat lag. Die Wahl war historisch, nicht geographisch. Deshalb liegen das amtliche Zentrum des Landes und der Ort, von dem aus es regiert wird, Hunderte Kilometer auseinander.

Eine Sprache, die im eigenen Land umkippt

Deutsch ist die Amtssprache. Der Satz ist wahr und unvollständig. Nördlich einer Linie, die Sprachforscher Benrather Linie nennen, sagte man „maken“, südlich davon „machen“. Die Linie läuft weiter durch das Land. Sie ist keine politische Grenze und steht auf keinem Straßenschild, aber sie ordnet Dialekte, und sie ist älter als der Staat.

Das Standarddeutsche ist eine schriftliche Vereinbarung. Es erlaubt einem Sprecher aus Kiel und einem Sprecher aus Passau, dieselbe Zeitung zu lesen. Es macht sie nicht gleichlautend. Im Westen, am Rhein, nimmt die gesprochene Sprache Wörter aus dem Französischen. Im Osten nimmt sie sie von slawischen Nachbarn. Ein Land mit neun Grenzen hält seine Sprache nicht dicht.

Dasselbe gilt für die Menschen. Nach 1945 wurden Millionen aus dem Osten vertrieben und im Westen angesiedelt. Ab den 1960er Jahren kamen Arbeiter aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei und Jugoslawien. Nach 1990 zogen Menschen innerhalb des Landes von Ost nach West. Die heutige Bevölkerung von 83,6 Millionen ist das Ergebnis dieser Bewegungen, nicht eines geschlossenen Volkskörpers, der immer hier war.

Deutschland ist leicht zu zeichnen und schwer zu verorten. Der Atlas legt es in die Mitte Europas. Die Mitte selbst trägt keine einzige Geschichte. Was das Land ist, ist es an den Rändern: neun Nachbarn, eine Sprache, die mitten im Land umkippt, und eine Hauptstadt, die von der Seite aus regiert.