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Rubrik · Sprachen

Quer durch Deutschland läuft eine Grenze, die man nur hören kann

Nördlich davon heißt es „maken“, südlich „machen“. Die Linie steht in keinem Atlas und folgt keiner Staatsgrenze. Alt ist sie trotzdem: über tausend Jahre.

Es gibt eine Grenze, die von Aachen über Düsseldorf und Kassel bis an die Oder verläuft. Sie trennt keine Länder, keine Bundesländer, keine Verwaltungsbezirke. Man sieht sie nicht. Man hört sie: Nördlich sagt man traditionell maken, südlich machen.

Fachleute nennen diese Linie nach dem Düsseldorfer Stadtteil Benrath, wo sie den Rhein quert. Der Name ist eine Konvention der Forschung, kein Ortsname für die Grenze selbst. Sie ist eine Isoglosse, also die Grenze eines einzelnen sprachlichen Merkmals. Wer sie überquert, merkt es an Kleinigkeiten: Appel wird zu Apfel, dat und wat werden zu das und was.

Eine Lautverschiebung, die auf halbem Weg stehenblieb

Der Ursprung liegt rund anderthalb Jahrtausende zurück. Etwa ab dem 5. Jahrhundert setzte im südlichen deutschen Sprachraum eine Lautverschiebung ein. Bestimmte Konsonanten veränderten sich systematisch: Aus p wurde pf oder f, aus t wurde z oder s, aus k wurde ch.

Die Verschiebung breitete sich von den Alpen nach Norden aus und verlor dabei an Kraft. Die südlichsten Dialekte machten alle Schritte mit. Weiter nördlich setzten sich nur noch einige durch, und ab einer bestimmten Linie keiner mehr. Die Benrather Linie markiert genau diesen letzten Schritt, den nördlichsten Punkt, den die Welle erreicht hat, bevor sie auslief.

Diese Grenze trennt keine Länder. Sie trennt zwei Arten, dasselbe Wort auszusprechen.

— TerraTally · Sprachen-Desk

Südlich davon liegt der hochdeutsche Raum, nördlich der niederdeutsche und der niederfränkische. Das Niederdeutsche ist dabei kein nachlässiges Hochdeutsch, sondern eine eigene Entwicklungslinie. In vielen Formen steht es dem Niederländischen näher als dem Bairischen, obwohl zwischen Bremen und München eine Staatsgrenze nicht einmal vorkommt.

Bemerkenswert ist vor allem die Beständigkeit. Über diese Linie sind Reiche hinweggezogen, Grenzen wurden verschoben, Staaten entstanden und verschwanden. Die Isoglosse blieb ungefähr, wo sie war.

Der Grund dafür ist wenig romantisch. Sprache wird im Alltag weitergegeben, nicht per Verwaltungsakt. Wie ein Kind spricht, hängt davon ab, wen es hört: Eltern, Nachbarn, Schulhof. Solange Menschen überwiegend dort bleiben, wo sie aufgewachsen sind, verschieben sich solche Grenzen kaum. Sie sind kein Beschluss, sondern eine Gewohnheit, die sich über Generationen selbst bestätigt. Niemand hat die Benrather Linie je gezogen, und niemand könnte sie verlegen.

Eine Mauer ist die Linie deshalb nicht, eher eine Zone. Verschiedene Merkmale haben leicht verschiedene Verläufe. Neben der Grenze zwischen maken und machen gibt es weitere Linien für ik und ich oder dorp und dorf, die parallel laufen, aber nicht deckungsgleich. Sprachkarten zeigen deshalb einen Fächer statt eines Strichs. Wer von Norden nach Süden fährt, überquert keinen Schlagbaum, sondern wechselt Merkmal für Merkmal die Seite.

Und sie verblasst. Dialekte gehen zurück, Hochdeutsch beherrscht Schule und Medien, Menschen ziehen häufiger um als ihre Großeltern. Die Benrather Linie beschreibt heute weniger, wie gesprochen wird, als wie gesprochen wurde. In keinem Erdkundeatlas ist sie eingezeichnet. Gehalten hat sie trotzdem länger als die meisten Grenzen, die dort stehen.