Papua-Neuguinea hat etwa neun Millionen Einwohner und rund 840 lebende Sprachen. Nicht Dialekte, sondern eigenständige Sprachen, die sich untereinander oft nicht verstehen. Kein Land der Erde hat mehr.
Die naheliegende Erklärung lautet: unwegsames Gelände. Hohe Gebirge, dichter Regenwald, Täler, die man nicht an einem Tag durchquert. Gruppen leben getrennt, die Sprachen driften auseinander, nach einigen Jahrhunderten versteht man sich nicht mehr. Das klingt schlüssig. Als Erklärung für das ganze Land hält es nur nicht stand, und der interessantere Teil ist der, der ihr widerspricht.
Die unerwartete Beobachtung
Dem Linguisten Donald Laycock, der jahrelang Sprachen des Landes aufnahm, fiel ein Muster auf, das nicht ins Bild passte. Die sprachliche Vielfalt war dort am geringsten, wo die Isolation am größten war, nämlich im Hochland. Am vielfältigsten war sie in Regionen mit gut passierbarem Gelände und regem Austausch, dort also, wo Menschen ständig miteinander zu tun hatten.
Das dreht die Erklärung um. Wenn Vielfalt dort entsteht, wo Menschen sich begegnen, kann Abgeschiedenheit nicht die Ursache sein. Die heutige Forschung führt die Vielfalt deshalb stark auf soziale Gründe zurück. Sprache diente als Kennzeichen der eigenen Gruppe. Man sprach anders als die Nachbarn, weil man erkennbar nicht die Nachbarn sein wollte. Wo zwei Gruppen einander täglich begegnen, ist ein hörbarer Unterschied nützlicher als dort, wo man sich ohnehin selten sieht. Vielfalt ist in dieser Lesart kein Nebenprodukt der Entfernung, sondern eine Leistung der Nähe.
Man sprach anders als die Nachbarn, weil man erkennbar nicht die Nachbarn sein wollte.
— TerraTally · Sprachen-Desk
Dazu kommt die Zeit. Die Besiedlung der Insel begann vor etwa 50.000 Jahren, deutlich früher als in weiten Teilen Europas. Vor rund 3.500 Jahren kamen Sprecher austronesischer Sprachen hinzu, eine völlig andere Sprachfamilie mit eigener Herkunft. Beides zusammen ergibt einen sehr langen Zeitraum, in dem Sprachen sich entwickeln, aufspalten und nebeneinander bestehen konnten. Andere Weltregionen wurden in dieser Zeit mehrfach von größeren Reichen überschrieben. Hier lief der Prozess weiter.
Maßstab
~840
lebende Sprachen
50.000
Jahre Besiedlung
3.500
Jahre seit austronesischer Einwanderung
Dass diese Vielfalt bis in die Gegenwart reicht, liegt auch an dem, was nicht passierte. Es gab lange keine dominante Verkehrssprache, die alle anderen verdrängt hätte. Mehrsprachigkeit im Alltag war der Normalfall: Menschen beherrschten die Sprachen der Nachbarn, ohne die eigene aufzugeben. Wer im Nachbardorf handelte, lernte dessen Sprache und behielt die eigene für zu Hause. Und die Kolonialisierung setzte vergleichsweise spät ein, sodass eine einzige Schulsprache erst viel später Gewicht bekam.
Stabil ist der Zustand nicht. Forschungsarbeiten dokumentieren einen deutlichen Rückgang. Jüngere Generationen geben viele der kleinen Sprachen nicht mehr weiter und wechseln zu den landesweit verbreiteten Verkehrssprachen, in denen Schule, Arbeit und Verwaltung funktionieren. Mit jeder Sprache geht Wissen verloren, das nur in ihr überliefert ist, etwa über Pflanzen und ihre Verwendung.
Papua-Neuguinea ist damit nicht nur der Ort mit den meisten Sprachen der Welt. Es ist auch der Ort, an dem sich am genauesten beobachten lässt, wie schnell so etwas verschwinden kann.