Zwischen Aachen und der Eifel verläuft ein Radweg auf einer alten Bahntrasse. Wer ihn fährt, wechselt mehrfach das Staatsgebiet, ohne abzubiegen. Der Damm gehört zu Belgien. Die Wiese daneben gehört zu Deutschland.
Der Grund ist eine Formulierung im Vertrag von Versailles. Belgien erhielt 1919 nicht nur Eupen und Malmedy, sondern auch die Vennbahn, und zwar die Trasse selbst, nicht den Landstrich um sie herum. Belgisches Staatsgebiet wurde der Bahndamm samt eines schmalen Streifens zu beiden Seiten. Was dahinter begann, blieb deutsch.
Eine Linie als Territorium: Das bleibt unauffällig, solange die Linie gerade verläuft. Die Vennbahn verlief nicht gerade. Sie folgte dem Gelände, schwenkte über deutsches Gebiet und wieder zurück, und wo sie das tat, legte sie eine Schlinge um Flächen, über die niemand verhandelt hatte. Diese Flächen blieben deutsch. Den Anschluss an das übrige Deutschland verloren sie trotzdem, weil zwischen ihnen und dem Rest des Landes nun belgischer Boden lag. Aus einer Bahnlinie wurden Exklaven.
1919
Versailles spricht Belgien Eupen und Malmedy sowie die Bahntrasse zu.
1921
Belgien übernimmt die Strecke. Der Damm wird belgisches Staatsgebiet, sechs deutsche Exklaven entstehen.
1958
Ein Abschnitt bei Hemmeres geht an Deutschland zurück. Aus sechs Exklaven werden fünf.
heute
Kein Zug mehr, aber die Grenze gilt. Auf dem Radweg steht man in Belgien.
Belgien bekam keine Fläche, sondern eine Linie. Der Rest ergab sich.
— TerraTally · Grenzen-Desk
Was das im Alltag heißt
Die eingeschlossenen Flächen sind bewohnt. Wer dort lebt, wohnt in Deutschland und erreicht das übrige Deutschland nur, indem er belgisches Gebiet quert, auf einer Straße, die den Bahndamm kreuzt oder ihm folgt. Der Weg zur eigenen Gemeindeverwaltung führt über eine Staatsgrenze und wieder zurück.
Im Schengen-Raum fällt das kaum auf. Vorher fiel es auf. Zollkontrollen auf dem Weg zum Nachbarort, zwei Rechtsordnungen für Grundstücke, die aneinander stoßen, Schulwege und Postwege über die Grenze: Die Bewohner haben ihren Alltag jahrzehntelang darauf eingerichtet, lange bevor die Lage in Reiseführern als Kuriosität auftauchte.
Auch die Verwaltung richtet sich danach. Katasterämter führen die Linie nach, die Gemeinden auf beiden Seiten wissen, wo ihre Zuständigkeit endet, und bei jeder Baumaßnahme am Damm ist klar, wer gefragt werden muss. Eine Grenze, die auf der Karte wie ein Strichfehler aussieht, kostet auf dem Boden Arbeit.
Der Bahnbetrieb endete längst, geblieben ist die Rechtslage. Der Damm trägt heute Radfahrer statt Waggons, und belgisch ist er weiterhin. Korrigiert wurde die Lage genau einmal: 1958 ging der Abschnitt bei Hemmeres an Deutschland zurück, aus sechs Exklaven wurden fünf. Die anderen blieben, wo sie waren.
Das Muster ist dasselbe wie an anderen absurden Grenzen. Niemand wollte diese Exklaven. Sie sind das Nebenprodukt einer Entscheidung mit einem anderen Ziel: Man wollte die Bahn, nicht die Grenze. Die Grenze kam mit, und weil sie heute niemandem im Weg steht, bleibt sie.