Die Europäische Union hat genau eine Landgrenze zum afrikanischen Kontinent. Sie verläuft nicht am Mittelmeer, sondern mitten in Nordafrika, rund um zwei spanische Städte, die von marokkanischem Gebiet umschlossen sind: Ceuta und Melilla.
Beide sind keine Kolonien im üblichen Sinn und auch keine jungen Gebilde. Melilla ist seit dem späten 15. Jahrhundert spanisch, Ceuta kam im 17. Jahrhundert von Portugal zu Spanien. Beide sind damit älter als der heutige marokkanische Staat und älter als die meisten europäischen Grenzen.
Marokko betrachtet sie dennoch als besetztes Gebiet und fordert die Rückgabe. Spanien verweist auf die Jahrhunderte und darauf, dass die Menschen dort spanische Staatsbürger sind. Beide Positionen stehen seit Jahrzehnten unverändert nebeneinander.
Warum daraus eine Migrationsfrage wurde
Solange die Grenzen in der Region durchlässig waren, spielte der Status kaum eine Rolle. Das änderte sich, als die EU ihre Außengrenzen systematisch sicherte. Plötzlich lag hinter einem Zaun in Nordafrika europäisches Recht, und damit die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen.
Beide Städte wurden mit hohen, mehrfach gestaffelten Zaunanlagen umgeben. Wer sie überwindet oder um die Wellenbrecher herumschwimmt, steht auf EU-Boden. Das erklärt, warum sich an diesen wenigen Kilometern seit Jahren wiederholt, was sich sonst über die ganze Breite des Mittelmeers verteilt.
Hinter einem Zaun in Nordafrika beginnt europäisches Recht. Das ist der ganze Grund.
— TerraTally · Grenzen-Desk
Immer wieder versuchen sehr viele Menschen gleichzeitig, die Grenze zu überwinden, teils über die Zäune, teils schwimmend um die Hafenanlagen herum. Im Mai 2021 erreichten binnen zwei Tagen rund 8.000 Menschen Ceuta, die meisten schwimmend. Im Juni 2022 versuchten rund 2.000 Menschen, den Zaun bei Melilla zu überwinden. Dabei kamen nach Angaben von Behörden und Organisationen mindestens 23 Menschen ums Leben.
Ende Juli 2026 kam es zum bislang größten Vorfall. Die Angaben zur Zahl der Beteiligten schwanken erheblich und wurden von spanischen Behörden mehrfach korrigiert. Nach 48 Stunden waren 88 Todesfälle durch Ertrinken bestätigt.
Zur Einordnung: Zahlenangaben zu solchen Ereignissen sind in den ersten Tagen unzuverlässig und werden regelmäßig nach oben oder unten korrigiert. Auch die Umstände sind häufig umstritten. Zu mehreren Vorfällen liegen widersprüchliche Darstellungen von Behörden beider Länder und von Menschenrechtsorganisationen vor, die teils bis heute nicht aufgeklärt sind.
Am Status der Städte ändert das nichts. Zwischen Spanien und Marokko ist er seit Jahrzehnten blockiert, und beide Seiten haben wenig Interesse an einer Eskalation. Marokko ist wirtschaftlich und migrationspolitisch eng mit der EU verflochten, Spanien hat kein Interesse, eine Verhandlung über eigenes Staatsgebiet zu eröffnen.
Das Ergebnis ist ein eingefrorener Zustand, dieselbe Konstruktion, die auch anderswo absurde Grenzen am Leben hält. Der Unterschied ist, dass hier Menschen sterben.
Ceuta und Melilla sind damit kein Kuriosum der Landkarte. Sie sind der Ort, an dem eine historische Konstellation und eine gegenwärtige Politik aufeinandertreffen. Wer über die Zäune spricht, spricht auch über das 15. Jahrhundert. Und wer über das 15. Jahrhundert spricht, kommt an den Zäunen nicht vorbei.