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Rubrik · Grenzen

Dieses italienische Dorf bezahlte in Schweizer Franken, bis Italien es zurückholte

Campione d'Italia liegt am Luganersee, vollständig von der Schweiz umschlossen. Jahrzehntelang funktionierte das gut. 2020 endete es.

Am Ostufer des Luganersees liegt eine italienische Gemeinde von 2,7 Quadratkilometern, die keine Landverbindung zu Italien hat. Ringsum liegt die Schweiz, Kanton Tessin. Wer von Campione d'Italia nach Italien will, fährt durch ein anderes Land.

Solche Exklaven gibt es mehrere in Europa. Campione war besonders, weil der Ort die Konsequenz daraus zog. Er war italienisches Staatsgebiet und lebte praktisch schweizerisch.

Die Gemeinde gehörte zum Schweizer Zollgebiet, zwischen Campione und der umgebenden Schweiz gab es keine Zollkontrollen. Bezahlt wurde in Franken. Die Post lief über die Schweiz, mit einer Schweizer Postleitzahl. Telefonnummern, Strom und die tägliche Versorgung kamen aus dem Tessin. Politisch, steuerlich und rechtlich blieb alles italienisch.

Getragen wurde diese Konstruktion lange von einem Kasino. Es war die wichtigste Einnahmequelle der Gemeinde und beschäftigte einen erheblichen Teil der Erwerbstätigen. Solange es lief, finanzierte es den Haushalt und einen Gutteil der Familien am Hang über dem See. Viele der Beschäftigten wohnten in den Tessiner Nachbargemeinden und überquerten täglich eine Staatsgrenze, die im Alltag keine war.

2018

Das Kasino meldet Insolvenz an und schließt. Der mit Abstand größte Arbeitgeber der Gemeinde fällt weg.

2020

Campione wechselt vom Schweizer in das Zollgebiet der EU. Die Schweizer Postleitzahl 6911 entfällt, der Postverkehr läuft über Italien.

danach

Ein Bürgerkomitee appelliert an den italienischen Staatspräsidenten, den Wechsel rückgängig zu machen. Vergeblich.

Ein Brexit in umgekehrter Richtung: So nannten die Betroffenen den Beitritt zum eigenen Zollgebiet.

— TerraTally · Grenzen-Desk

Warum der Wechsel so hart traf

Aus der Ferne wirkt die Eingliederung in das Zollgebiet des eigenen Staates wie eine Normalisierung. Vor Ort war sie ein Bruch. Eine Wirtschaft, die über Jahrzehnte auf zollfreien Warenverkehr mit dem Umland ausgerichtet war, musste sich plötzlich an einer Grenze orientieren, die vorher praktisch nicht existierte. Lieferungen, die bis dahin ohne Formalität über die Straße kamen, brauchten nun Papiere.

Dazu kam das Timing. Die Umstellung folgte unmittelbar auf den Verlust des größten Arbeitgebers. Ein Ort, der ohnehin einen Einbruch verkraften musste, bekam zusätzlich neue Verfahren, neue Zuständigkeiten und neue Kosten aufgeladen. Die Bewohner haben sich gewehrt, bis hinauf zum Staatspräsidenten, und nichts erreicht.

Exklaven funktionieren nicht deshalb, weil ihre Rechtslage geklärt ist. Sie funktionieren, wenn der Alltag pragmatisch geregelt wird, und das heißt fast immer: Anschluss an den Nachbarn statt an das eigene Land. Genau darin lag die Stärke von Campione, und genau darin lag seine Abhängigkeit. Für einen Ort ohne Landverbindung zum eigenen Staat ist das keine Schwäche, sondern die einzige Art, überhaupt zu funktionieren.

Solche Regelungen sind Vereinbarungen, keine Naturgesetze. Sie lassen sich kündigen, meist aus Gründen, die mit dem Ort selbst nichts zu tun haben. Für Campione war die Zollzugehörigkeit kein Detail, sondern die Grundlage. Als sie wegfiel, blieb die Geographie: ein italienisches Dorf, um das herum ein anderes Land liegt.