Im November 2012 näherte sich ein australisches Forschungsschiff einer Insel im Korallenmeer östlich von Australien. Auf den Seekarten an Bord war sie verzeichnet, auf Google Maps ebenfalls: ein länglicher Fleck, rund 24 Kilometer lang. Das Schiff fuhr hin. Da war nichts, nur offenes Wasser, unter dem das Echolot rund 1.400 Meter Tiefe maß.
Die Besatzung hatte keine Insel entdeckt. Sie hatte eine unentdeckt.
Wie eine Insel zweihundert Jahre überlebt
Der Ursprung liegt vermutlich im 18. Jahrhundert. Auf einer Karte aus dem Umfeld einer Expedition James Cooks findet sich in dieser Gegend der Eintrag einer sandigen Insel. Was damals tatsächlich gesichtet wurde, ist offen: Untiefen, treibender Bimsstein an der Oberfläche oder eine verrutschte Position. Wer den Eintrag machte, konnte ihn nicht überprüfen. Wer ihn abschrieb, hatte keinen Grund dazu.
Von dort an wirkt ein Mechanismus, der bis heute gilt: Karten werden nicht neu vermessen, sondern abgeschrieben. Wer eine Seekarte anfertigt, greift auf vorhandene zurück. Eine Insel, die einmal verzeichnet ist, muss niemand bestätigen. Man müsste sie aktiv widerlegen, und dafür müsste ein Schiff gezielt an eine Stelle fahren, an der es nichts zu holen gibt. Für die Seefahrt war der Eintrag sogar nützlich: Eine Insel, die es nicht gibt, umfährt man vorsichtshalber.
Karten werden nicht neu vermessen. Sie werden abgeschrieben.
— TerraTally · Geschichte-Desk
Der französische Hydrografische Dienst strich die Insel bereits in den 1970er-Jahren aus seinen amtlichen Karten, nachdem die Gegend überflogen worden war. Das half nur begrenzt. Andere Kartenwerke führten sie weiter, und als die Kartenbestände in den 1980er- und 1990er-Jahren digitalisiert wurden, wanderte der Eintrag in globale Geodatenbanken.
1774
Cook-Expedition: eine sandige Insel erscheint auf der Karte.
1970er
Der französische Hydrografische Dienst streicht den Eintrag nach einem Überflug.
2012
Ein Forschungsschiff fährt durch: offenes Wasser, rund 1.400 Meter Tiefe, endgültige „Unentdeckung“.
Das ist der Teil, der über eine Kuriosität hinausgeht. Solange Karten auf Papier existierten, blieb ein Fehler bei einem Verlag und bei dessen Auflage. Sobald Kartenbestände in Datenbanken überführt wurden, bekam derselbe Fehler eine neue Eigenschaft: Er ließ sich beliebig oft weiterverwenden, ohne dass jemand die Herkunft prüfte.
Sandy Island erschien deshalb in Diensten, die es nicht von einer Seekarte hatten, sondern von einem Datensatz, der es von einer anderen Datenbank hatte, die es irgendwann von einer Karte hatte. Der Fehler wurde nicht überprüft, sondern weitergereicht. Die Wiederholung sah dabei aus wie Bestätigung: Wer zwei Quellen verglich, fand dieselbe Insel und hielt sie für belegt.
Nach 2012 wurde die Insel aus den großen Kartendiensten und Datensätzen entfernt. Nötig war dafür ein Schiff mit einem Echolot, das an genau diese Stelle fuhr, und eine Besatzung, die den Widerspruch zwischen Karte und Messung nicht auf sich beruhen ließ.
Bemerkenswert bleibt das Verhältnis von Aufwand und Wirkung. Eine Insel auf eine Karte zu setzen, kostete einen Federstrich. Sie wieder herunterzubekommen, brauchte zweihundert Jahre und eine Forschungsfahrt.