Panda mit Erdkugel — Logo von TerraTallyTerraTally

Rubrik · Geschichte

Das Land, das einen Tag aus dem Kalender strich

Kiribati lag auf beiden Seiten der Datumsgrenze, eine Hälfte immer einen Tag voraus. 1994 beendete die Regierung das und ließ einen Tag ausfallen.

Ende 1994 gab es auf einem Teil der Inseln von Kiribati keinen 31. Dezember. Auf den 30. folgte direkt der 1. Januar. Der Tag wurde nicht gefeiert, nicht verschoben, nicht nachgeholt. Für die Menschen dort fand er schlicht nicht statt.

Dahinter stand kein Kalenderscherz, sondern ein Verwaltungsproblem, das über Jahrzehnte gewachsen war. Kiribati erstreckt sich über mehrere Tausend Kilometer Pazifik, von den Gilbert-Inseln im Westen bis zu den Line-Inseln im Osten. Die internationale Datumsgrenze verlief mitten hindurch. Der Westen des Landes lebte in einem Datum, der Osten in einem anderen, dauerhaft 24 Stunden auseinander.

Vier gemeinsame Werktage

Für eine Regierung ist das mehr als eine Kuriosität. Wenn eine Landeshälfte Montag zählt, während die andere noch Sonntag hat, überlappen sich die Arbeitswochen nur teilweise. Rechnerisch blieben pro Woche vier Tage, an denen Behörden auf beiden Seiten gleichzeitig geöffnet hatten. An den übrigen Tagen war ein Teil des eigenen Staates für den anderen nicht erreichbar. Wer in der Verwaltung auf Tarawa arbeitete und eine Auskunft von den Line-Inseln brauchte, wartete, bis sich die Kalender wieder trafen.

Ein Land, in dem die eine Hälfte der anderen dauerhaft einen Tag voraus war.

— TerraTally · Geschichte-Desk

Die Lösung war einfach und radikal. Kiribati verschob die Datumsgrenze nach Osten, sodass das gesamte Staatsgebiet auf derselben Seite lag. Für die östlichen Inseln bedeutete das einen Sprung um einen ganzen Kalendertag: Die Line-Inseln wechselten von UTC−10 auf UTC+14. Es wurde kein Gebiet abgetreten und keine Grenze gezogen, ein Datum wurde neu zugeordnet. Möglich ist das, weil eine Zeitzone eine Entscheidung ist und keine Messung.

vor 1995

Die Datumsgrenze verläuft mitten durch Kiribati. Westen und Osten liegen dauerhaft einen Tag auseinander, gemeinsam nutzbar sind vier Werktage.

Ende 1994

Die östlichen Inseln springen einen Kalendertag voraus. Der 31. Dezember fällt dort aus.

1995

Das gesamte Staatsgebiet liegt östlich der Grenze, die Line-Inseln auf UTC+14. Der neue Tag beginnt dort zuerst.

Ein Nebeneffekt machte das Land anschließend bekannt. Mit UTC+14 liegt Kiribati in der Zeitrechnung weiter östlich als jeder andere bewohnte Ort. Seit 1995 beginnt dort der neue Tag zuerst, und damit auch das neue Jahr. Zur Jahrtausendwende hat die Regierung genau das vermarktet, und aus der Not eines geteilten Kalenders wurde ein Alleinstellungsmerkmal.

Bemerkenswert bleibt der Vorgang selbst. Die Datumsgrenze existiert nirgends physisch. Sie folgt keinem Naturgesetz und keinem Vertrag, der für alle verbindlich wäre. Sie ist das Ergebnis dessen, welche Zeitzone sich Staaten jeweils geben, und sie verschiebt sich dort, wo eine Regierung es beschließt.

Kiribati hat das vorgeführt. Ein Land nahm einen Tag aus seinem Kalender, um mit sich selbst wieder gleichzeitig zu sein. Auf den Weltkarten hinterließ das einen sichtbaren Knick im Verlauf der Linie, und der ist bis heute zu sehen. Er ist die Spur einer Verwaltungsentscheidung, die den Menschen im Osten des Landes einen Silvesterabend gekostet hat.