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Rubrik · Klima

Der einsamste Ort der Erde ist ein Raumschiff-Friedhof

2.688 Kilometer bis zum nächsten Land. Wer Point Nemo am nächsten ist, sitzt meist nicht auf einem Schiff, sondern in der Raumstation darüber.

Es gibt einen Punkt im Südpazifik, von dem aus es in jede Richtung 2.688 Kilometer bis zum nächsten Land sind. Wer sich dort aufhält, hat die nächsten Menschen häufig nicht auf dem Wasser, sondern 400 Kilometer über sich, in der Internationalen Raumstation.

Der Ort heißt offiziell ozeanischer Pol der Unzugänglichkeit und inoffiziell Point Nemo, nach dem Kapitän aus Jules Vernes Roman. Er liegt bei 48°52,6′ Süd und 123°23,6′ West. Die drei nächstgelegenen Landpunkte sind eine Insel der Pitcairn-Gruppe im Norden, ein Eiland nahe der Osterinsel im Nordosten und eine Insel vor der Antarktis im Süden. Alle drei sind praktisch gleich weit entfernt, und das ist kein Zufall, sondern die Definition: Der Punkt ist nicht entdeckt, sondern berechnet worden, als die Stelle mit dem größtmöglichen Abstand zu jeder Küste.

Wohin Raumfahrzeuge fallen

Genau diese Abgelegenheit macht den Punkt brauchbar. Seit 1971 lassen Raumfahrtbehörden ausgediente Satelliten und Raumstationen gezielt in dieser Region niedergehen. Nahezu 300 Objekte liegen dort auf dem Meeresboden, darunter die sowjetische Raumstation Mir.

Unerreichbarkeit ist hier keine Eigenschaft, sondern die Funktion.

— TerraTally · Planet-Desk

Der Grund ist nüchtern. Große Raumfahrzeuge verglühen beim Wiedereintritt nicht vollständig. Es bleiben Teile übrig, die auf die Erde treffen, und wohin die einzelnen Trümmer fallen, lässt sich nicht steuern. Sie verteilen sich über ein langgestrecktes Gebiet. Steuerbar ist allein der Zeitpunkt des Wiedereintritts, und daraus folgt, über welchem Teil der Erde dieses Gebiet liegt. Man wählt den Moment so, dass die Trümmer dort ankommen, wo sich am wenigsten befindet. Point Nemo ist dieser Ort. Das Verfahren heißt kontrollierter Wiedereintritt und gehört bei großen Objekten längst zur Planung einer Mission, nicht erst zu ihrem Ende.

Auf einen Blick

2.688 km

bis zum nächsten Land

1971

erster gezielter Wiedereintritt in der Region

~300

Objekte auf dem Meeresboden

Die Internationale Raumstation soll am Ende ihrer Betriebszeit denselben Weg nehmen. Sie ist das größte je gebaute Objekt im Erdorbit, und ihr kontrollierter Absturz ist seit Jahren geplant, nicht als Notfall, sondern als letzter Arbeitsschritt. Die Station, von der aus man heute auf diesen leeren Fleck hinunterblickt, wird selbst dort enden.

Dass ein Ort dadurch zum Ablageplatz wird, ist nicht unumstritten. Die Region gilt als nährstoffarm und entsprechend artenarm, was sie aus Sicht der Raumfahrtbehörden zur geeigneten Wahl macht. Artenarm heißt aber nicht leer, und was die eingetragenen Materialien langfristig bewirken, ist nicht abschließend untersucht. Wer das messen wollte, müsste erst einmal hinkommen, und genau die Schwierigkeit, hinzukommen, war der Grund für die Auswahl. Ein Ort, an dem niemand vorbeifährt, ist auch ein Ort, über den kaum jemand Daten sammelt.

Point Nemo bleibt damit ein seltsamer Sonderfall der Geographie: ein Punkt, der ausschließlich durch seine Entfernung zu allem anderen definiert ist und der genau deshalb einen Zweck bekommen hat. Der abgelegenste Ort der Erde ist der einzige, an dem man etwas fallen lassen kann, ohne zu treffen.