Sieben Länder erzeugen über 99,7 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen: Albanien, Bhutan, Nepal, Paraguay, Island, Äthiopien und die Demokratische Republik Kongo. Das klingt nach einer Rangliste der ambitioniertesten Klimapolitik. Sie ist es nicht.
Mit einer Ausnahme steht hinter jedem dieser Werte dasselbe: Wasserkraft. Und Wasserkraft hängt an zwei Dingen, die keine Regierung beschließen kann. Niederschlag und Höhenunterschied.
Warum Berge und Regen die Rangliste bestimmen
Ein Wasserkraftwerk braucht Wasser, das fällt. Je größer die Fallhöhe und je verlässlicher die Menge, desto günstiger der Strom. Länder mit hohen Gebirgen und starken Niederschlägen haben damit eine Energiequelle, die planbar ist, sich speichern lässt und über Jahrzehnte extrem billig bleibt. Die Geographie liefert dabei nur die Voraussetzung. Gebaut haben diese Kraftwerke Menschen, und wo ein Stausee entsteht, weichen meist Dörfer und Felder.
Paraguay ist das deutlichste Beispiel. Das Land deckt seinen Strombedarf praktisch vollständig aus Wasserkraft, vor allem aus Itaipú, einem der größten Wasserkraftwerke der Welt, das es gemeinsam mit Brasilien betreibt. Der Überschuss ist so groß, dass Paraguay Strom exportiert.
Bei den übrigen Ländern liest sich die Liste wie eine Reliefkarte. Nepal und Bhutan liegen im Himalaya. Albanien ist gebirgig und niederschlagsreich. Äthiopien und die Demokratische Republik Kongo verfügen über große Flusssysteme mit erheblichem Gefälle.
Die Rangliste misst nicht, wer am meisten will. Sie misst, wer Berge und Regen hat.
— TerraTally · Klima-Desk
Island ist der Sonderfall, das einzige dieser Länder, das nicht allein auf Wasserkraft steht. Dort kommt Geothermie hinzu. Die Insel liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken, der Grenze zweier auseinanderdriftender Erdplatten. Heißes Wasser und Dampf stehen in geringer Tiefe zur Verfügung, nicht nur für Strom, sondern auch für die Fernwärme der Städte. Auch das ist Geographie: Island kann Geothermie nutzen, weil es auf einer Plattengrenze liegt, derselben Art von Naht, die in Ostafrika gerade einen Kontinent aufreißt.
Zum Einordnen
7
Länder über 99,7 % Ökostrom
~100
Prozent Wasserkraft in Paraguay
1
Land mit Geothermie-Anteil: Island
Für Deutschland, Japan oder die Niederlande ist dieser Weg verschlossen. Flachland bietet kaum Fallhöhe, und Fallhöhe lässt sich nicht bauen. Diese Länder müssen über Wind und Photovoltaik gehen, also über Quellen, die schwanken und deshalb Speicher, Netze und Reservekapazität brauchen. Das ist technisch anspruchsvoller als ein Stausee, der ohnehin speichert.
Dazu kommt die Größe. Bei den sieben Spitzenreitern ist der Stromverbrauch pro Kopf und insgesamt vergleichsweise gering, weshalb ein einzelnes großes Kraftwerk einen erheblichen Teil des Bedarfs decken kann. In einer Industrienation mit hoher Grundlast geht diese Rechnung nicht auf.
Und ein Hinweis zur Statistik: Fast alle diese Angaben beziehen sich auf Strom, nicht auf den gesamten Energieverbrauch. Heizen, Industrie und Verkehr laufen auch in diesen Ländern oft weiter mit fossilen Brennstoffen. Wer Zahlen zu erneuerbarer Energie liest, sollte deshalb genau hinsehen, was gemessen wurde. Strom ist meist der kleinere Teil.
Aufschlussreich bleibt die Rangliste trotzdem. Sie zeigt nicht, wer am ehrgeizigsten ist. Sie zeigt, wie stark die Energiewende davon abhängt, wo ein Land liegt, und wie viel mehr Arbeit sie dort macht, wo die Landschaft nicht mithilft.