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Rubrik · Klima

Die Schiffe, die mitten in der Wüste liegen

Der Aralsee war einmal der viertgrößte See der Erde. Heute stehen rostende Kutter über hundert Kilometer vom nächsten Wasser entfernt. Und ein Teil davon kommt zurück.

Vor Moynaq in Usbekistan liegen Fischkutter im Sand. Nicht am Ufer, im Sand. Bis zum nächsten Wasser sind es über hundert Kilometer. Die Stadt war ein Hafen, und die Schiffe stehen dort, wo man sie zurückließ, als das Meer sich zurückzog.

Der Aralsee war in den 1960er-Jahren der viertgrößte See der Erde. Seither hat er den größten Teil seines Volumens verloren, Schätzungen reichen bis zu neunzig Prozent. Aus einem Gewässer sind mehrere Restseen geworden, getrennt durch trockenen Boden. Was zwischen ihnen liegt, ist eine Salzwüste, für die es inzwischen einen eigenen Namen gibt: Aralkum.

Kein Naturereignis

Das Entscheidende an dieser Geschichte ist, dass sie keine Naturkatastrophe ist. Der Aralsee wurde von zwei Flüssen gespeist, dem Amudarja und dem Syrdarja. Ab den 1960er-Jahren leiteten Planer deren Wasser großflächig in Kanäle, um in der zentralasiatischen Steppe Baumwolle anzubauen. Der Plan funktionierte: Die Ernten stiegen, und ganze Orte lebten von der Bewässerung. Der See bekam, was übrig blieb. Es war zu wenig.

Der See ist nicht verdunstet. Er wurde umgeleitet.

— TerraTally · Klima-Desk

Die Folgen gingen weit über das fehlende Wasser hinaus. Mit dem Rückzug des Sees stieg der Salzgehalt im verbliebenen Wasser so stark, dass die Fischerei zusammenbrach. Moynaq verlor damit nicht nur den Hafen, sondern die Arbeit, die den Ort begründet hatte. Der freigelegte Seeboden gibt seither Staub frei, beladen mit Salzen und Rückständen aus der Landwirtschaft, den der Wind über die Region trägt. Und ohne die ausgleichende Wirkung einer großen Wasserfläche wurden die Sommer heißer und die Winter kälter. Wer heute in Moynaq steht, sieht beides nebeneinander: die Kutter und einen Horizont ohne Wasser.

In Zahlen

~90

Prozent Volumen verloren

4.

größter See der Erde (1960)

13

km Kok-Aral-Damm (2005)

2005 wurde im Norden ein 13 Kilometer langer Damm fertiggestellt, der Kok-Aral-Damm, ein gemeinsames Vorhaben Kasachstans und der Weltbank. Er hält das Wasser des Syrdarja im nördlichen Restsee zurück, statt es in den ausgetrockneten Süden abfließen zu lassen. Er trennt damit den nördlichen Kleinen Aralsee von der großen südlichen Senke. Die Technik dahinter ist unspektakulär: ein Damm, der den Abfluss reguliert. Entscheidend war nicht der Bau, sondern die Entscheidung, welchem Teil des Sees das verbliebene Flusswasser zugutekommen soll.

Das Ergebnis lässt sich messen. Der Wasserstand des Kleinen Aralsees stieg, der Salzgehalt sank, Fische kehrten zurück und mit ihnen ein Teil der Fischerei. Boote fahren wieder aus, wenn auch von anderen Orten aus als früher. Eine Wiederherstellung des alten Sees ist das nicht. Der große südliche Teil bleibt weitgehend verloren, und Moynaq liegt weiter im Trockenen.

Genau darin liegt der Unterschied zu den Bildern, für die der Aralsee berühmt ist. Die Schiffe im Sand erzählen von einem Verlust, der endgültig wirkt. Der Damm im Norden erzählt etwas anderes: Was durch eine Entscheidung verschwand, kann durch eine Entscheidung zum Teil zurückkehren.