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Rubrik · Grenzen

Dieser Staat hat Pässe, Botschaften und Briefmarken, aber kein Land

Der Souveräne Malteserorden unterhält diplomatische Beziehungen zu über 110 Staaten. Territorium besitzt er seit 1798 nicht mehr.

Es gibt ein Völkerrechtssubjekt, das eigene Pässe ausstellt, Botschafter entsendet, eine Verfassung und eigene Gerichte besitzt, Briefmarken und sogar eine eigene Währung führt, und das über kein Staatsgebiet verfügt. Nicht über ein kleines. Über gar keines.

Der Souveräne Malteserorden verlor sein Territorium 1798, als Napoleon auf dem Weg nach Ägypten Malta einnahm. Seine völkerrechtliche Stellung verlor er nicht.

Wie kann etwas souverän sein ohne Land?

Die übliche Definition eines Staates verlangt drei Dinge: ein Staatsgebiet, ein Staatsvolk und eine Staatsgewalt. Nach dieser Rechnung ist der Malteserorden kein Staat, und er behauptet das auch nicht.

Er gilt als nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt: eine Einheit, die im Völkerrecht handlungsfähig ist, ohne ein Staat zu sein. Sie kann Verträge schließen, Vertretungen unterhalten und mit Staaten auf diplomatischer Ebene verkehren.

Der Grund dafür ist bemerkenswert schlicht: weil genug andere sie so behandeln. Der Orden unterhält volle diplomatische Beziehungen zu über 110 Staaten und dazu Beziehungen zur Europäischen Union. Diese Staaten akzeptieren seine Pässe und empfangen seine Vertreter. Eben dadurch entsteht die Stellung, die sie voraussetzen. Die Anerkennung belegt hier keine Souveränität, sie ist die Souveränität.

Souveränität ist hier keine Eigenschaft eines Territoriums, sondern die Summe von Anerkennungen.

— TerraTally · Grenzen-Desk

In Zahlen

1798

Verlust des Territoriums

110+

Staaten mit diplomatischen Beziehungen

0

Quadratkilometer Staatsgebiet

Hinter dem völkerrechtlichen Kuriosum steht eine sehr praktische Organisation. Der Orden betreibt weltweit Krankenhäuser, Ambulanzdienste, Altenpflege und Katastrophenhilfe. Die diplomatische Stellung ist dabei kein Selbstzweck: Sie erleichtert den Zugang zu Krisengebieten und die Zusammenarbeit mit Regierungen, ähnlich wie bei anderen humanitären Organisationen mit Sonderstatus. Wer als eigenes Gegenüber auftritt, verhandelt mit Ministerien, nicht mit Formularen.

In Rom verfügt der Orden über Gebäude mit exterritorialem Status. Das ist der Punkt, an dem die Sache oft missverstanden wird: Exterritorialität ist kein Staatsgebiet. Auch Botschaften genießen sie, ohne dass das Gastland dort sein Territorium verlöre. Der Orden hat in Rom also einen Sitz und dessen Schutz, aber keinen Quadratmeter Boden, der ihm als Staat gehört. Der Status hängt am Einverständnis Italiens, nicht an einer Fläche, die der Orden verteidigen könnte.

Der Fall zeigt, wie das Völkerrecht tatsächlich funktioniert. Im Schulbuch ist die Weltkarte vollständig in Staaten aufgeteilt, und jeder Staat hat eine Fläche. In der Praxis gibt es Zwischenformen: Einheiten mit Territorium, Regierung und Bevölkerung, die kaum jemand anerkennt, und eine Einheit ohne Territorium, die fast alle anerkennen. Die politische Weltkarte zeigt also, wer Fläche besitzt, nicht wer als Staat behandelt wird.

Beides ist derselbe Mechanismus, von zwei Seiten betrachtet. Entscheidend ist nicht, was auf der Karte steht, sondern wen die anderen als Gegenüber akzeptieren. Der Malteserorden hat kein Land und wird behandelt wie ein Staat. Andernorts leben Menschen in Gebieten mit Grenzen, Regierung und Verwaltung, deren Pässe an keinem Flughafen der Welt gelten.

Eine Karte zeigt Flächen. Souveränität ist etwas anderes, und sie lässt sich nicht einfärben.