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Rubrik · Klima

Die Stadt, die schneller sinkt, als das Meer steigt

Jakarta verliert jedes Jahr mehrere Zentimeter Höhe. Der Meeresspiegel steigt um Millimeter. Das Verhältnis erklärt, warum Indonesien eine neue Hauptstadt baut.

Im Norden Jakartas gibt es Moscheen, deren Eingang heute unter dem Straßenniveau liegt. Nicht weil die Straße angehoben wurde, sondern weil das Gebäude gesunken ist. In vier Jahrzehnten hat sich der Boden dort um bis zu vier Meter abgesenkt.

Über Küstenstädte und Klimawandel wird meist in einer Richtung gesprochen: Das Meer steigt. Für Jakarta stimmt das, und es ist trotzdem die kleinere Hälfte der Geschichte. Der globale Meeresspiegel steigt in Millimetern pro Jahr. Jakartas Boden sinkt in Zentimetern. Zwischen beiden Bewegungen liegt eine Größenordnung, und sie entscheidet darüber, worüber die Stadt reden muss.

Drei Zentimeter, die alles verändern

Eine Erhebung der indonesischen Forschungsbehörde BRIN beziffert die durchschnittliche Absenkung auf etwa 3,5 Zentimeter pro Jahr. Im besonders betroffenen Norden der Stadt liegt der Wert bei rund 4,9 Zentimetern, an einzelnen Brennpunkten im Nordwesten wurden bis zu 20 Zentimeter jährlich gemessen. Etwa 40 Prozent Nord-Jakartas liegen inzwischen unter dem Meeresspiegel. Was das im Alltag bedeutet, zeigen Gebäude wie jene Moscheen: Nicht die Stadt wächst um sie herum, der Boden sackt unter ihnen weg.

Die Ursache ist bekannt und unspektakulär: Grundwasser. Weil die öffentliche Wasserversorgung große Teile der Stadt nie erreicht hat, bohren Haushalte und Betriebe eigene Brunnen. Wird Wasser aus den Sedimentschichten gezogen, verliert der Untergrund an Volumen und der Boden darüber sackt nach. Dazu kommt das Gewicht der Stadt selbst, also Hochhäuser, Straßen und aufgeschüttetes Land, auf weichem Schwemmland. Beides verstärkt sich gegenseitig: Wo viel gebaut wird, wird viel Wasser gebraucht, und wo viel Wasser entnommen wird, drückt das Gebaute umso tiefer.

Das Meer steigt in Millimetern. Jakarta sinkt in Zentimetern.

— TerraTally · Klima-Desk

Der Unterschied zwischen steigendem Wasser und sinkendem Land ist nicht akademisch. Er entscheidet darüber, was eine Stadt überhaupt tun kann. Den globalen Meeresspiegel kann Jakarta nicht beeinflussen, dafür fallen die Entscheidungen anderswo. Die Grundwasserentnahme kann die Stadt beeinflussen, und zwar mit Mitteln, über die eine Verwaltung verfügt: einer Wasserleitung, die wirklich ankommt, und Regeln für die Brunnen.

Tokio hat genau das vorgemacht. Nach massiver Absenkung im 20. Jahrhundert wurde die Entnahme reguliert und durch Leitungswasser ersetzt, woraufhin die Senkung weitgehend zum Stillstand kam. Der bereits verlorene Boden kehrt nicht zurück, das ist der Preis des Wartens. Aber der Vorgang lässt sich anhalten, und genau darin unterscheidet er sich vom Meeresspiegel.

Indonesien hat sich zusätzlich für einen zweiten Weg entschieden und verlegt den Regierungssitz auf die Insel Borneo. Jakartas Problem löst das nicht. In der Metropolregion leben Millionen Menschen, die bleiben, weil ihre Arbeit, ihre Familien und ihre Wohnungen dort sind. Eine neue Hauptstadt entlastet die Verwaltung, nicht den Boden.

Jakarta ist damit kein Sonderfall, sondern ein Vorlauf. Küstenstädte von Ho-Chi-Minh-Stadt bis Houston sinken aus ähnlichen Gründen, überall dort, wo weicher Untergrund, schnelles Wachstum und private Brunnen zusammenkommen. Der Meeresspiegel ist das langsame, globale Problem. Der Boden unter der eigenen Stadt ist das schnelle, lokale, und er ist das Einzige, das eine Stadt selbst in der Hand hat.