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Rubrik · Grenzen

50 Jahre Streit, ausgetragen mit Schnapsflaschen

Kanada und Dänemark stritten ein halbes Jahrhundert um eine unbewohnte Felseninsel. Ihre Waffe: Flaggen austauschen und eine Flasche dalassen.

Hans Island ist ein kahler Felsen in der Arktis, rund 1,3 Quadratkilometer groß, ohne Bewohner, ohne Bäume, ohne erkennbaren Nutzen. Um diesen Felsen stritten Kanada und Dänemark ein halbes Jahrhundert. Geführt wurde der Streit so: Man nahm die gegnerische Flagge ab, stellte die eigene auf und ließ eine Flasche Schnaps daneben stehen.

Kanadische Besuche hinterließen Whisky, dänische einen Kräuterbitter. Wer als Nächstes kam, nahm die Flasche mit, stellte seine eigene hin und tauschte die Flagge. Über Jahrzehnte. Die Presse taufte das den Whisky-Krieg, und der Name blieb, weil er die Sache ziemlich genau trifft.

Warum es überhaupt einen Streit gab

Die Insel liegt im Nares-Sund zwischen Grönland und der kanadischen Ellesmere-Insel, an einer der schmalsten Stellen der Meerenge. Als Kanada und Dänemark 1973 den Verlauf ihrer Seegrenze aushandelten, zogen sie eine Linie durch den Sund und ließen die Insel aus. Sie liegt so genau in der Mitte, dass beide Seiten einen vertretbaren Anspruch geltend machen konnten. Statt darüber zu verhandeln, klammerte man den Felsen aus dem Vertrag aus und vertagte die Frage.

Ein Territorialkonflikt, den beide Seiten nicht gewinnen wollten.

— TerraTally · Grenzen-Desk

Aus der Vertagung wurden 49 Jahre. In dieser Zeit blieb der Konflikt vollständig gewaltfrei, was in der Geschichte von Territorialstreitigkeiten keineswegs selbstverständlich ist. Es gab keine Truppen, keine Sanktionen, keine Eskalation. Es gab Flaggen und Flaschen. Beide Seiten protestierten pflichtschuldig, wenn die andere ihre Fahne hisste, und keine von beiden ging einen Schritt weiter. Der Ablauf hatte etwas von einem Ritual: Ein Schiff oder ein Hubschrauber setzte eine Handvoll Menschen auf dem Felsen ab, die Flagge wurde getauscht, die Flasche gewechselt, dann fuhr man wieder.

Bis zuletzt war Hans Island eine der wenigen Landflächen der Erde, über die zwei Staaten offen uneins waren, ohne dass dort jemand lebte, dessen Zugehörigkeit die Frage betroffen hätte. Das erklärt auch, warum sich der Streit so lange halten konnte: Er kostete niemanden etwas.

Am 14. Juni 2022 unterzeichneten die Außenministerien beider Länder gemeinsam mit dem Regierungschef Grönlands ein Abkommen. Die Insel wird entlang eines natürlichen Geländerückens geteilt: rund 60 Prozent gehen an Grönland und damit an das Königreich Dänemark, rund 40 Prozent an Kanada. Der Felsen bekam damit etwas, das sonst kaum ein Stück Arktis hat, eine Landgrenze. Im selben Zug legten die beiden Staaten den Rest ihrer gemeinsamen Grenze fest, fast 4.000 Kilometer Seegrenze, die längste der Welt. Zur Unterzeichnung tauschten die Beteiligten noch einmal Flaschen aus, diesmal als Abschluss.

Es wäre leicht, daraus eine nette Anekdote zu machen. Interessanter ist der Vorlauf. Beide Staaten hätten den Fall jederzeit eskalieren können; die Arktis ist kein konfliktfreier Raum, Fischerei, Rohstoffe und Schifffahrtswege sind dort seit Jahren umstritten. Kanada und Dänemark taten es trotzdem nicht, weil der Gegenstand den Aufwand nicht wert war und weil es unter Nachbarn, die in derselben Region noch viele andere Fragen zu klären haben, teurer gewesen wäre, recht zu behalten. Der Whisky-Krieg ist kein Beweis, dass Grenzkonflikte harmlos sind. Er zeigt, wie sie aussehen, wenn niemand sie braucht.