Die größte Wüste der Erde liegt nicht in Afrika. Sie hat keinen Sand, keine Dünen und keine Kamele. Sie ist die Antarktis, mit rund 14,2 Millionen Quadratkilometern deutlich größer als die Sahara.
Das ist kein Wortspiel, sondern die Definition. Als Wüste gilt eine Region, in der sehr wenig Niederschlag fällt, üblicherweise weniger als 250 Millimeter im Jahr. Über die Temperatur sagt das nichts. Im Inneren der Antarktis fallen weniger als 50 Millimeter jährlich. Sie ist damit nicht nur eine Wüste, sondern eine extreme.
Wüste ist eine Aussage über Wasser, nicht über Wärme.
— TerraTally · Klima-Desk
Wer diese eine Korrektur übernimmt, liest die Weltkarte anders. Drei Orte zeigen, was dann sichtbar wird, und warum die Rekordlisten nicht zusammenpassen.
Es kommt darauf an, was gemessen wird
Dasht-e Lut, Iran. In der iranischen Wüste Lut wurden per Satellit Oberflächentemperaturen von über 70 Grad Celsius gemessen, einer der höchsten je registrierten Werte für eine Landoberfläche. Entscheidend ist, was da gemessen wurde: die Temperatur des Bodens, nicht die der Luft. Lufttemperaturen werden nach Standard im Schatten und zwei Meter über dem Boden erfasst. Dunkler, trockener Wüstenboden heizt sich in der Sonne weit stärker auf als die Luft darüber. Satellitenrekorde und Wetterstationsrekorde sind deshalb zwei verschiedene Ranglisten, und sie führen zu verschiedenen Orten.
Danakil, Äthiopien. Hier zählt nicht der Spitzenwert, sondern der Dauerzustand. In Dallol in der Danakil-Senke wurde über mehrere Jahre eine mittlere Jahrestemperatur von etwa 34,6 Grad gemessen, der höchste bekannte Wert für einen bewohnten Ort. Bewohnt heißt: Menschen arbeiten dort das ganze Jahr, nicht nur in der erträglichen Jahreszeit. Die Senke liegt zudem deutlich unter dem Meeresspiegel und ist vulkanisch aktiv. Sie gehört zu derselben Bruchzone, entlang der sich Ostafrika gerade vom Rest des Kontinents löst.
Maßstab
14,2
Mio. km² Antarktis, größte Wüste
>70
°C Oberfläche in der Lut
34,6
°C Jahresmittel in Dallol
Namib, südwestliches Afrika. Die Namib gilt als eine der ältesten Wüsten der Erde. Trocken ist sie aus demselben Grund wie die Atacama: Der kalte Benguelastrom fließt an der Küste entlang, kühlt die Luft darüber ab und verhindert die Wolkenbildung, die Regen bringen würde. Was er stattdessen bringt, ist Nebel. Er zieht regelmäßig vom Meer landeinwärts und trägt ein ganzes Ökosystem. Manche Käferarten stellen sich mit dem Kopf nach unten in den Wind, damit sich Nebeltröpfchen auf ihrem Körper sammeln und zum Mund laufen. Wo kein Regen fällt, wird Luftfeuchtigkeit zur Wasserquelle.
Die Umdefinition hat praktische Folgen. Wüsten sind nicht die Ausnahme, sondern bedecken einen erheblichen Teil der Landfläche, und sie wachsen dort, wo Niederschlag ausbleibt oder Böden degradieren. Wer Wüste mit Hitze gleichsetzt, übersieht die Hälfte des Problems: Trockenheit entsteht auch in der Kälte, und sie trifft dort Ökosysteme, die ebenso wenig Wasser zur Verfügung haben.
Die drei Beispiele zeigen zudem ein Muster. Fast alle extremen Trockengebiete gehen auf wenige Mechanismen zurück: den Regenschatten hinter einem Gebirge, eine kalte Meeresströmung vor der Küste, absinkende Luft in den subtropischen Hochdruckzonen, oder schlicht Kälte, die kaum Feuchtigkeit in der Luft zulässt.
Die Antarktis ist der letzte Fall. Kalte Luft kann fast kein Wasser transportieren. Deshalb schneit es dort so wenig, und deshalb ist der kälteste Ort der Erde zugleich ihre größte Wüste.