Madagaskar liegt vor der ostafrikanischen Küste und ist doch keine Fortsetzung des Festlands. Der Kanal von Mosambik trennt die Insel von Afrika. Die Nationalsprache Malagasy zeigt in die andere Richtung, über den Indischen Ozean, in die austronesische Welt.
587 041 Quadratkilometer und 32 740 678 Einwohner ohne Landnachbarn: das ist ein Staat von der Größe eines großen Festlandlandes, nur ringsum Meer. Antananarivo, früher französisch Tananarive, sitzt auf dem zentralen Hochland, nicht an einem Hafen. Französisch ist neben Malagasy Amtssprache, Erbe der Kolonialzeit und der Beziehung zu Frankreich. Die Währung ist der Ariary. Wer die Insel nur als afrikanisches Nebenland liest, versteht weder die Hauptstadt noch die Sprache. Wer sie nur als exotische Ausnahme liest, versteht den Kanal nicht, der sie trotzdem an Afrika bindet.
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Madagaskar auf einen Blick
Hauptstadt
Antananarivo
Fläche
587 041 km²
Einwohner
32,7 Millionen
Amtssprache(n)
Malagasy, Französisch
Währung
Ariary
Kontinent
Afrika
Besonderheit
Nationalsprache aus dem austronesischen Raum
Regiert wird vom Hochland
Antananarivo liegt auf dem Plateau, im historischen Kern von Imerina. Das Königreich der Merina hat von hier aus weite Teile der Insel an sich gebunden, Küsten eingeschlossen, bevor die französische Kolonialmacht die Insel von außen fasste. Eine Hauptstadt in der Höhe sieht das Meer nicht. Sie sieht Reisflächen, Hügel und Wege, die zu den Häfen hinunterführen. Der Staat ist innen geboren und hat die Ränder später erreicht.
Toamasina, französisch Tamatave, ist der Hafen an der Ostküste, dem Indischen Ozean zugewandt. Der Westen schaut über den Kanal nach Mosambik. Diese beiden Meere sind nicht dasselbe politisch. Der Osthafen verbindet die Insel mit der Weite, aus der auch die Sprache kommt. Der Westufer schaut auf das nahe Festland. Antananarivo sitzt dazwischen und oberhalb und hat beide Richtungen verwaltet, ohne selbst Küste zu sein. Das ist die innere Geographie: Plateau als Macht, Häfen als Tore.
Die Sprache kommt nicht vom Kanal
Malagasy gehört zur austronesischen Sprachfamilie, in die Südost-Barito-Gruppe, und steht Sprachen Borneos näher als den Bantusprachen jenseits des Kanals. Das ist kein Kuriosum für Sprachfreunde. Es ist die Amtssprache eines Staates, dessen Nachbar auf der Karte Afrika ist. Wer in Antananarivo die Nationalsprache spricht, spricht eine Sprache, deren nächste Verwandte auf der anderen Seite des Ozeans gesprochen werden. Französisch liegt als zweite Amtssprache darüber, europäisch und kolonial, nicht afrikanisch und nicht austronesisch.
Die Menschen der Insel sind damit nicht eine einzige Herkunft. Afrikanische und austronesische Geschichten treffen sich in den Familien, in den Küsten und auf dem Plateau. Der Staat hat daraus keine Prozentrechnung gemacht, und dieser Text tut es auch nicht. Er hält fest, was ohne Zahl gilt: Die Sprache der Nation zeigt nicht dorthin, wo die nächste Küste liegt. Sie zeigt dorthin, wo die nächste sprachliche Verwandtschaft liegt. Das ist eine andere Art von Grenze als der Kanal.
Neben Afrika zu liegen heißt nicht, aus Afrika allein zu kommen.
— TerraTally · Länder-Desk
Der Kanal bleibt trotzdem Grenze
Keine Landgrenze heißt nicht keine Nachbarschaft. Mosambik liegt westlich des Kanals, die Komoren und weiter entfernt die ostafrikanische Küste gehören in denselben Meeresraum. Handel, Migration und Wetter kommen von dort. Die Insel hat sich geologisch früh vom Festland gelöst, und Pflanzen und Tiere haben sich getrennt entwickelt. Die Lemuren stammen von dieser Insel. Das ist Naturgeschichte ohne Artenzählung. Politisch zählt etwas Nüchterneres: Madagaskar kann nicht zu Fuß verlassen werden. Jede Beziehung nach Afrika oder nach Asien ist eine Beziehung über Wasser.
Deshalb bleibt der Staat eine doppelte Lage. Er ist afrikanisch durch den Kanal, durch den Handel, durch die Mitgliedschaft in den politischen Räumen des Kontinents. Er ist etwas anderes durch Malagasy, durch das Hochland und durch einen Ozean, der hinter Toamasina nicht aufhört. Französisch verbindet ihn mit einer dritten Geschichte, die weder Plateau noch Festland ist. Wer nur eine dieser drei Geschichten erzählt, macht aus den anderen eine Fußnote. Die Insel ist groß genug, alle drei zu tragen.
Madagaskar ist Afrika, sobald man den Kanal ernst nimmt, und nicht nur Afrika, sobald man Malagasy ernst nimmt. Antananarivo sitzt hoch genug, um beides zu regieren.