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Rubrik · Länder

Libyen wohnt an der Küste und ist auf der Karte Wüste

Die Städte sitzen am Mittelmeer. Die Fläche dahinter ist Sahara, und die Küstenpole kommen politisch nicht zur Ruhe.

Libyen ist auf der Karte ein gewaltiges Stück Sahara mit einer schmalen Öffnung zum Mittelmeer. Der Staat wohnt in dieser Öffnung. Tripolis, Bengasi und die Städte am Golf von Sidra tragen das politische Leben, während die Fläche dahinter vor allem Sand, Grenze und Erdöl ist.

1 759 540 Quadratkilometer und 7 458 555 Einwohner ergeben keine gleichmäßige Besiedlung. Die Menschen und die Ämter sitzen an der Küste. Im Westen ist das Tripolitanien, mit der Hauptstadt Tripolis gegenüber Tunesien. Im Osten ist die Kyrenaika, mit Bengasi als Gegenpol. Dazwischen liegt der Golf von Sidra, und südlich von allem der Fessan, eine Wüste, die nach Niger, Tschad und Sudan schaut statt nach dem Meer. Arabisch ist die Amtssprache, der libysche Dinar die Währung. Beides gilt für ein Land, das geographisch aus drei Landschaften besteht und politisch oft so handelt.

Libyen auf einen Blick

Hauptstadt

Tripolis

Fläche

1 759 540 km²

Einwohner

7,5 Millionen

Amtssprache(n)

Arabisch

Währung

Libyscher Dinar

Kontinent

Afrika

Besonderheit

Küstenstaat auf einer Wüstenkarte

Zwei Küsten, eine Hauptstadt

Tripolis ist die Hauptstadt, weil der Westen der dichtere Küstenraum ist und weil der moderne Staat sich dort eingerichtet hat. Bengasi ist deshalb nicht Provinz im gewöhnlichen Sinn. Die Kyrenaika hat eigene Notabeln, eigene Häfen, eine eigene Erinnerung an die Zeit, als der Osten nicht von Tripolis aus gedacht wurde. Der Golf von Sidra trennt die beiden Ufer nicht nur landschaftlich. Er legt eine Distanz zwischen die beiden Orte, an denen Libyen regiert werden will.

Seit dem Umsturz sitzt die Macht nicht mehr selbstverständlich nur in Tripolis. Im Osten bestehen eigene Institutionen, und die Vereinten Nationen beschreiben einen Staat, dessen Behörden sich nicht auf eine Adresse einigen. Das ist keine vorübergehende Laune der Hauptstadt. Es wiederholt die alte Zweiteilung der Küste. Wer in Tripolis ein Ministerium kontrolliert, hat den Osten damit nicht. Wer in Bengasi eine Armee hält, hat die Hauptstadt damit nicht. Die Karte bleibt eine. Die Regierung ist es nicht.

Die Wüste finanziert die Küste

Das Erdöl liegt nicht in den Altstädten. Es liegt im Binnenland und am Golf, und es finanziert einen Staat, der an der Küste ausgegeben wird. Die National Oil Corporation ist deshalb keine Branche unter anderen. Sie ist die Kasse, ohne die Tripolis und Bengasi ihre Ämter nicht tragen. Wer die Felder hält, hält mehr als einen Rohstoff. Er hält die Möglichkeit, Gehälter zu zahlen. Deshalb ist der Kampf um Häfen und Terminals am Golf kein Randkonflikt. Dort trifft die Wüste auf das Meer, und dort wird aus Öl Haushalt.

Sogar das Wasser folgt dieser Richtung. Unter der Sahara liegt fossiles Wasser, und ein staatliches Projekt, der Great Man-Made River, führt es nach Norden in die Küstenstädte. Die Küste ist das politische Libyen, aber sie ist nicht autark. Sie trinkt aus dem Sand und sie kassiert aus dem Sand. Der Fessan ist in dieser Rechnung selten Subjekt. Er ist Durchgang nach Niger und Tschad, Speicher von Wasser und Öl, und eine Grenze, die Tripolis nur schwach im Alltag spürt.

Die Karte zeigt Sand. Der Staat wohnt am Meer und lebt vom Land dahinter.

— TerraTally · Länder-Desk

Sechs Nachbarn, eine leere Mitte

Libyen grenzt an Tunesien, Algerien, Niger, Tschad, Sudan und Ägypten. Das ist eine Außenpolitik der Himmelsrichtungen. Im Norden das Mittelmeer und jenseits davon Europa. Im Westen der Maghreb. Im Osten das Niltal. Im Süden die Sahara, über die Menschen, Waren und Waffen gehen, ohne dass eine dichte Verwaltung sie erwarten würde. Die leere Mitte ist kein Niemandsland im Recht. Sie ist libysches Territorium. Sie ist nur nicht der Ort, an dem der Staat sich selbst begegnet.

Eine Hauptstadt am westlichen Ufer kann diese Richtungen nicht gleichzeitig sein. Tripolis spricht mit Tunis und mit dem Meer. Der Osten spricht mit Ägypten und mit seiner eigenen Küste. Der Süden spricht mit einer anderen Welt aus Oasen und Grenzen. Arabisch hält das als eine Sprache zusammen. Der Dinar hält es als eine Kasse zusammen, solange das Öl fließt und solange sich jemand findet, der die Kasse für das ganze Land ausgibt. Die Wüste bleibt der Körper. Die Küste bleibt der Wille. Solange beides nicht in eine Hauptstadt passt, bleibt Libyen ein Staat, den man am Meer versteht und auf der Karte falsch einschätzt.

Libyen ist weit, wo die Städte fehlen, und umstritten, wo sie stehen. Wer die Sahara für das Land hält, verfehlt die Küste. Wer nur Tripolis zählt, verfehlt den Osten und die Kasse in der Wüste.